Fußball

Liga-Klassiker mit SpektakelRätselhafter BVB weiß überhaupt nicht, was wirklich los ist

10.01.2026, 08:30 Uhr
Fallrueckzieher-Fabio-Silva-Borussia-Dortmund-BVB-Frankfurt-09-01-2026-Eintracht-Frankfurt-vs-Borussia-Dortmund-Deutsche-Bank-Park-16
Fallrückzieher Fabio Silva. Geht daneben. Wie manches beim BVB. (Foto: picture alliance / Sportpics)

Borussia Dortmund verhindert in Frankfurt in letzter Sekunde eine Niederlage. So startet der BVB ohne Rückschlag in das Jahr 2026. Nach dem spektakulären Jahresauftakt rätselt der BVB später wieder, was das jetzt alles zu bedeuten hat - und was mit Stürmerstar Guirassy eigentlich los ist.

Als Nico Schlotterbeck in der 90. Minute nach einem Eckball von Daniel Svensson hochstieg und den Ball aus kurzer Distanz an die Latte wuchtete, konnte niemand ahnen, dass dies nur der Auftakt zu einer wilden Nachspielzeit war. "Mindestens fünf Minuten Nachspielzeit", rief der Stadionsprecher Daniel Wolf durch die Lautsprecher des Stadions der Frankfurter Eintracht. Es stand 2:2.

Wenige Minuten später würde Eintracht Frankfurts Sportvorstand Markus Krösche erstaunliche Worte sprechen. Zumindest, wenn man das Spiel bis zur 90. Minute und ganz ohne Nachspielzeit dachte. Es sei schon "ärgerlich, dass wir am Ende 3:3 spielen", sagte er und Dortmunds Mittelfeldspieler Felix Nmecha sprach bei Sky: "Positiv ist, dass wir das Spiel nicht verlieren. Aber wenn man das Spiel so kontrolliert, ist es nicht gut. Wir hatten sehr gute Phasen, aber als Borussia Dortmund möchten wir dieses Spiel gewinnen."

Der Bundesliga-Klassiker hatte bis zu dieser 90. Minute schon gut abgeliefert. Maximilian Beier (10.) mit dem ersten Tor im neuen Kalenderjahr und Nmecha (68.) brachten den BVB jeweils in Führung. Can Uzun mit einem Foulelfmeter (22) und der gebürtige Frankfurter Younes Ebnoutalib (71.) bei seinem Traumdebüt hatten jeweils ausgeglichen. Dortmund hatte sich nach dem 1:0 zurückgezogen, war bald bestraft worden und hat dann eine Eintracht-Drangphase unbeschadet überstanden. Jetzt aber in dieser Nachspielzeit wurde es wild.

Mo Dahoud ist immer da, wenn das Spektakel ruft

Plötzlich wühlte sich Arnaud Kalimuendo auf der linken Seite durch den Strafraum von Borussia Dortmund. Der 23-jährige Franzose war gerade einmal 30 Minuten auf dem Platz, gerade einmal zwei Tage überhaupt erst bei seinem neuen Verein, doch mit einem Traumpass auf den Glücksjungen Younes Ebnoutalib zum 2:2 und einer Gelben Karte bereits vorher auffällig.

Jetzt verwirrte er die Abwehr des BVB, Julian Ryerson konnte nicht weit genug klären, Emre Can sah nicht glücklich aus und der ehemalige Dortmunder Mo Dahoud zauberte den Ball an den Innenpfosten. 92 Minuten waren da gespielt, der ausgiebige Jubel im eskalierenden ehemaligen Waldstadion. Schiedsrichter Daniel Schlager würde noch ein paar Minuten dranhängen.

Dortmund stürzte nach vorn. Wieder fand ein Seitenwechsel Ryerson auf der rechten Seite. Irgendwie gelangte der Ball von dort über Marcel Sabitzer in die Mitte, dem in der 87. Minute eingewechselten Carney Chukwuemeka sprang am Fünfmeterraum der Ball an den Körper und von dort an der Verteidigung vorbei. Stochern jetzt. Tor. 3:3. Erschöpfung. Was für ein Spektakel.

Der aktuelle Bundesliga-Klassiker

Ein Spektakel wie so oft, wenn sich die beiden Klubs in diesen Jahren treffen. In den Spielen ist Unterhaltung und sind auch Tore garantiert. Es passiert immer was. Es ist körperlich, immer die Grenzen der Brutalität auslotend, selten übersteigend. Es ist auf den Rängen stimmungsvoll, mit einem ausgeprägten Sinn für die respektvolle Verachtung des Gegners in dieser Partie, die zu einem Top-Duell der Liga herangewachsen ist.

Das letzte torlose Unentschieden in der Bundesliga liegt beinahe 36 Jahre zurück. Am 11. April 1990 hießen die Trainer beim 0:0 im Dortmunder Westfalenstadion Horst Köppel (Dortmund) und Jörg Berger (Frankfurt). Seitdem passiert immer was. Und häufig auch ganz spät. Wie am 8. Januar 2022 als der BVB ein 0:2 in Frankfurt zur Pause in den letzten Minuten noch in ein 3:2 drehte.

Torschütze zum Dortmunder Sieg damals: Mo Dahoud. Vier Jahre später ist der Ergänzungsspieler auf der anderen Seite und in dieser 90. Minute seit 13 Minuten auf dem Spielfeld, eingewechselt für den angeschlagenen Oscar Höljund. Dann erzielte er den vermeintlichen Siegtreffer. Doch Geschichte wiederholt sich nicht immer. Der Wahnsinn fand dort eben nicht sein Ende.

Guirassys Torflaute

Das Spiel war ein Wahnsinn, an dem BVBs Serhou Guirassy schon lange nicht mehr teilnahm, welches er aber durch ein Foul an Robin Koch und dem anschließenden Elfmeter für Frankfurt eingeleitet hatte. Der guineische Nationalspieler war über mehr als eine Saison die Dortmunder Lebensversicherung. Der Torschützenkönig der vergangenen Champions-League-Saison steckt in der Dauerkrise, wirkt auf dem Platz hin und wieder divenhaft, ohne dieses Verhalten mit seinen Toren abzufangen.

Nach 38 Treffern und neun Vorlagen in den 50 Einsätzen in seiner Debütsaison, steht er bei neun Toren und vier Assists nach seinen ersten 24 Pflichtspielen in der laufenden Spielzeit. In der Liga wartet er seit dem 31. Oktober 2025 auf einen Treffer.

Seit einigen Monaten ist er kein Torgarant mehr, sondern ein steter Unruheherd in Dortmund. Mal durch seine Lustlosigkeit, mal durch seine Aussetzer in der Defensive, mal durch die wilden Transfergerüchte. Sein Abgang im Sommer 2026 dürfte keine Überraschung mehr sein.

"Hatten genug Möglichkeiten"

Noch aber dauert die Bundesliga-Saison 18 Spiele, noch aber will der BVB auch in der Champions League ein paar Partien absolvieren. Dafür brauchen sie Guirassy. Und noch glauben sie in Dortmund an ihn. "Ich halte ihm weiter die Stange", sagte BVB-Trainer Niko Kovac. Sein Stürmer werde sich schon wieder zurückkämpfen. Er komme "da wieder raus".

Bis dahin überwiegt das Tänzeln zwischen Kritik und Verständnis. "Er weiß selbst, dass er da nicht so hingehen darf. Das passiert von zehnmal einmal, es ist in der Situation ärgerlich, da wir die Frankfurter in den ersten 20 Minuten gut im Griff hatten", äußerte Guirassys Mitspieler Waldemar Anton und fügte an: "Das hat sie wieder ins Spiel gebracht. Es ist aber okay, wir hatten danach genug Möglichkeiten und hätten das Spiel gewinnen können."

Kovac erklärte bei Sky, dass man Guirassy keinen Vorwurf machen könne. "Es passiert allzu oft in der Bundesliga, dass einer den Fuß einfach vorhält, dann wirst du getroffen und es gibt Elfmeter", sagte der Coach. Auch Schlotterbeck wollte aus dem Vergehen keine große Nummer machen: "Das nächste Mal trifft er wieder, dann ist alles okay." Hätte Schlotterbeck seinen Kopfball in der 90. Minute nur wenige Zentimeter tiefen setzen können, wäre wohl auch alles okay gewesen. Die Zuschauer aber hätten eine grandiose Nachspielzeit verpasst. Man kann nicht alles haben. Die Bundesliga ist mit einem Knall zurück.

Genießen Sie die Show

So ganz unzufrieden waren sie auf Dortmunder Seite auch nicht. "Insgesamt war es für die Zuschauer sehr unterhaltsam", sagte Dortmunds Sportvorstand Sebastian Kehl. "Am meisten ärgert mich, dass wir heute hier nur unentschieden gespielt haben." Dann überlegte er, eigentlich hatten sie zwar nicht gewonnen, aber auch nicht verloren. "Eine Niederlage heute hätte sehr, sehr wehgetan. So können wir immerhin mit einem Punkt nach Hause fahren und mit einem positiven Gefühl vom Platz gehen."

Der BVB war sich nach diesem Spiel mal wieder selbst ein Rätsel. Die bislang so stabile Abwehr bröckelte, die Leistung besonders in der zweiten Halbzeit aber mit viel Tempo, Kreativität und doch immer auch mit wenig Kontrolle in den entscheidenden Momenten. In diesen Momenten landete der Ball im Aufbau beim Gegner, in diesen Momenten legte Svensson seine Flanken von der linken Seite immer wieder in die Arme des starken Frankfurter Keepers Kaua Santos. Die Krake schnappte sich alles. Die letzten Bälle erreichten ihr Ziel nicht.

Auch nach 16 Spieltagen hat der BVB somit nur eine Saisonniederlage kassiert, beim enteilten Rekordmeister Bayern München, der den Vorsprung an diesem Wochenende im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg auf elf Punkte ausbauen kann. Aber darum geht es in der Bundesliga nicht immer. Vergessen Sie das Meisterrennen, genießen Sie die Show.

Quelle: ntv.de, sue

Borussia DortmundEintracht FrankfurtFußball-Bundesliga